Allgemeine Belletristik

Stephen Dobyns (1998), „Die Kirche der toten Mädchen“ („The Church of Dead Girls“)

PROLOG

So sahen sie aus: Drei tote Mädchen, die aufrecht auf drei Stühlen saßen. Die Vierzehnjährige saß in der Mitte. Sie war um einen halben Kopf größer als die anderen. Die beiden Dreizehnjährigen saßen rechts und links neben ihr. Über die Brust eines jeden Mädchens spannte sich x-förmig ein Seil bis über die Schultern und um die Taille herum, auf dem Rücken verknotet. Alle drei Mädchen waren barfuß und mit den Fußknöcheln an die Stuhlbeine gefesselt. Aber die Seile waren locker, als sollten sie nur die Leichen aufrecht fixieren und nicht die Lebenden gefangenhalten. Mit anderen Worten: Sie waren erst nach dem Tod festgebunden worden.

Ich war nicht da. Ich habe nur die Fotos gesehen, die mein Cousin mir zeigte. Es waren viele Fotos. Und er sagte, die Polizei habe ein Video vom ganzen Dachboden, aber das habe ich nie gesehen.

Die Stühle standen vielleicht einen halben Meter weit voneinander entfernt. Wegen der trockenen Luft auf dem Dachboden sahen die Mädchen alt aus. Nicht mehr wie Teenager. Sie waren hager und knochig und glichen siebzigjährigen Frauen. Eine große Klimaanlage und ein Luftentfeuchter waren rund um die Uhr gelaufen, Tag für Tag, und aus den Leichen war alle Feuchtigkeit gesaugt worden. Sie waren ausgedörrt, und die Haut sah aus wie dunkles, zerknittertes Papier. Aber sie waren nicht gleichmäßig ausgedörrt, denn sie waren zu verschiedenen Zeiten umgebracht worden, und das Mädchen, das zuletzt an die Reihe gekommen war, sah am jüngsten aus. Die Köpfe der Mädchen waren zurück oder zur Seite gelegt. Die mittlere hatte blonde Haare. Lange Strähnen hingen ihr übers Gesicht. Die beiden anderen waren braunhaarig. Allen dreien reichte das Haar halb über den Rücken, und vielleicht hatte das etwas zu bedeuten. Es ließ sie jungfräulich erscheinen; jetzt allerdings, da sie so alt aussahen, wirkten sie eher nonnenhaft, jüngferlich. Und zum Zeitpunkt der Aufnahmen waren ihre Haare staubig geworden. Ausgemergelt waren sie auch, zumindest zwei, als hätten sie nichts zu essen bekommen. Aber das war vielleicht eine Folge der Austrocknung. Alle Lebendigkeit war aus ihrer Haut verdunstet. Die eingefallenen Wangen waren erschreckend hohle Einkerbungen. Das Zahnfleisch war von den Zähnen geschrumpft.

Was sie anhatten? Nicht ihre eigenen Kleider. Die hatte man ihnen weggenommen. Sie trugen handgenähte Gewänder aus dicken Samt. Das des Mädchens in der Mitte war dunkelgrün und langärmelig, und der Saum reichte fast bis an die Knöchel. Die rechte hatte ein dunkelrotes, die linke ein blaues Kleid an. Aber die Farben sagen noch gar nichts. Auf die Kleider genäht, gesteckt, ja, geklebt waren Sterne und Monde und Sonnen, ausgeschnitten aus weißem oder gelb funkelndem Stoff. Aber auch Tiere - besser gesagt, ihre Silhouetten: Hunde und Bären, Pferde und Fische, Falken und Tauben. Und Zahlen, scheinbar beliebig: Fünfen, Siebenen, Vieren - die glänzenden Zahlen, die man im Haushaltswarengeschäft kauft und an den Briefkasten klebt. Irgendeine Regelmäßigkeit war dabei nicht zu erkennen. Und Schmuckstücke waren an den Samt gesteckt und über Zahlen und Sterne und Tiere drapiert, billiger Modeschmuck: Armbänder, Halsketten, Ohrringe. So brauchte man eine Weile, bis man die eigentliche Farbe der Kleider erkennen konnte, denn sie waren völlig bedeckt von Zahlen und Schmuck und Stoffstücken.

Habe ich die Wörter schon erwähnt? Auf einigen der Stoffstücke standen Wörter, die aber keinen Sinn ergaben: »ick« und »tze« und »au« und »Dre«. Wortfetzen, Anfänge und Enden. Was konnten sie jemandem gesagt haben? Messingglöckchen, kleine Spiegel, Metallstücke und bunte Glaskugeln waren auch noch am Stoff befestigt.

Vermutlich war dieses Gewirr von Flicken und Schmuck und Wörtern und Zahlen an den Kleidern erst angebracht worden, als die Mädchen sie schon trugen und nachdem sie an die Stühle gebunden worden waren, denn auf dem Rücken oder am knochigen Hintern hatten sie nichts. Es war klar, daß die Mädchen tot gewesen waren, als man sie auf die Stühle gesetzt und geschmückt hatte. Und diese Arbeit mußte Tage gedauert haben, denn nichts war holterdipolter erledigt worden.

Und die Stühle? Es waren einfache Stühle, aber sie waren nicht gekauft. Sie waren amateurhaft gebastelt, zusammengezimmert aus Vierkanthölzern, schief. Aber man sah nicht sofort, daß sie aus Vierkanthölzern gezimmert waren, denn jeder Zollbreit ihrer Oberfläche war mit blanken Konservendosendeckeln und runden roten Reflektoren und grünen und gelben, klaren und braunen Flaschenböden bedeckt. Das meiste war angenagelt, nur die runden Glasstücke wurden von Nägeln gehalten, die man ringsherum eingeschlagen und dann krummgebogen hatte.

Die Stühle glänzten und glitzerten, und - wie soll ich sagen? - sie schienen den Betrachter anzustarren. Sie wirkten nicht statisch; das bunte Glitzern ließ sie aktiv, ja, aggressiv erscheinen. Die Stuhlbeine waren mit Alufolie umwickelt; die runden Metallstücke, das Glas und die Reflektoren waren auf der Folie angebracht. Aber auch hier konnte man sehen, daß das alles gemacht worden war, als die Mädchen schon saßen, denn wo sie sich anlehnten und wo sie die Sitzfläche berührten, war das Holz blank.

Und der Dachboden? Es war ein großer Raum mit schräger Decke. An der höchsten Stelle war er vielleicht gut dreieinhalb Meter hoch, aber die Schräge reichte zu beiden Seiten bis auf einen halben Meter herunter. Die Grundfläche betrug etwa zehn mal fünfzehn Meter, und an beiden Enden befand sich ein Fenster mit einem Vorhang. Die Klimaanlage saß in der Mitte in einer Dachluke, dicht unter dem First. Aber ich habe das alles nie im Ganzen gesehen, sondern immer nur aus verschiedenen Blickwinkeln, die sich aus den Fotos zusammensetzten. Zwischen den Dachpfosten klebten Streifen von Dämmaterial mit glänzender Alubeschichtung, und so funkelte der ganze Raum und muß im Licht der Kerzen regelrecht lebendig ausgesehen haben. Außerdem hingen Hunderte von Flitterstreifen von der Decke. Vielleicht bewegten sie sich im Luftzug der Klimaanlage ein wenig. Und wie müssen sie geglitzert haben.

Denn das war noch etwas: die Kerzen. Viele waren bis auf den Stumpf heruntergebrannt, aber die Stümpfe waren wieder und wieder erneuert worden; wer immer sie angezündet hatte, war viele Male auf den Dachboden gekommen, um sie anzuzünden. Auf den Fotos brannten die Kerzen nicht. Man mußte es sich vorstellen, mußte sich die Lichtreflexe auf der Alubeschichtung der Dachisolierung vorstellen, ihr Flackern in den Glasstücken und Reflektoren und Blechscheiben, mit denen die Stühle geschmückt waren, ihr Funkeln in den billigen Modeschmuckstücken an den Kleidern der Mädchen. Wie lebendig es auf dem Dachboden ausgesehen haben mußte im Licht dieser Kerzen, wenn jede einzelne dieser Kerzen Hunderte von Malen reflektiert wurde. Wände, Stühle, Kleider: eine konversation des Lichts, ein kirchenhafter Glanz. Und wie die Gesichter der drei Mädchen geschimmert haben müssen. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten muß sie belebt haben - als wären sie gar nicht tot, als wären sie nie tot gewesen.

Aber das alles muß der Fantasie überlassen bleiben. Ich weiß, daß die Beamten die Kerzen nie angezündet haben. Sie haben einfach ihre Fotos gemacht, die Leichen fortgeschafft und das ganze Spektakel abgebaut. Ich weiß nicht, ob die Sachen irgendwo lagern oder ob man sie vernichtet hat. Man kann sich vorstellen, wie jemand ohne Skrupel versucht, das alles zu stehlen und die blitzenden Stühle irgendwo auszustellen, damit andere sie für Geld anschauen. Vielleicht würde so jemand Schaufensterpuppen auf die Stühle setzen und sie kleiden, wie die Mädchen gekleidet gewesen waren. Die »Kirche der toten Mädchen« könnte man das Ganze nennen, oder »Höhle des Ungeheuers«.

Denn wer diese Mädchen umgebracht hatte, war ganz sicher ein Ungeheuer. Aber hatte der Mensch nicht unter uns gelebt? Unsere Stadt ist nicht groß. Dieser Mensch kam und ging, machte Geschäfte, hatte Bekannte, ja, gute Freunde. Niemand sah ihn an und dachte: »Ungeheuer.« Vielleicht war es ja das, was an dieser Sache am meisten beunruhigte: daß diese Person zumindest oberflächlich niemals ungewöhnlich erschienen war, oder daß keiner von uns genug Verstand gehabt hatte, die Zeichen zu erkennen. Wie hätten diese Zeichen ausgesehen? Müßte das Böse oder die Ungeheuerlichkeit nicht auf sich aufmerksam machen? Aber diese Person hatte ihren Platz in der Gemeinschaft. Was glauben Sie, wie wir uns gegenseitig sahen, selbst nachher, als die Entdeckungen gemacht worden waren? Wenn jemand unter uns, der so ein furchtbares Geheimnis hatte, unschuldig erscheinen konnte, was war dann mit den andern? Was hatten sie für Geheimnisse? Und schauten sie mich auch so an? Natürlich.

Drei tote Mädchen auf drei Stühlen, in die Seile gesackt, mit hängenden Köpfen, papierner Haut, mit bloßen Füßen auf dem Dielenboden, die eher wie Pfoten als wie Füße aussahen, braun und knochig. Die Münder waren ein bißchen offen, die Lippen zurückgezogen. Man konnte ihre kleinen Zähne sehen, sich die dunkle Trockenheit ihrer Zungen vorstellen, die Finsternis in den schweigenden Kehlen. Wie mußten ihre Zähne im Kerzenlicht geglitzert haben. Und ihre Augen, halb offen, als ob die Mädchen dösten - auch sie mußten geglänzt haben.

Aber da ist noch etwas. Ihre linken Hände fehlten. Bei jedem Mädchen war die linke Hand am Gelenk abgetrennt. Man konnte die Gelenkknochen sehen. Und diese Stümpfe, die müssen auch geglitzert haben. Auf den Fotografien hatten diese Gelenkknochen etwas bestürzend Milchiges. Diese weiße Rundheit ließ mich an Augen denken, an blinde Augen natürlich, denn wie hätten diese weißen Knochen je sehen können?

Und die fehlenden Hände? Die waren nicht auf dem Dachboden, und auch nirgends im Haus.

 
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