Historische Romane

Jonathan Galbraith (2001), „Die große Fahrt der Rising Sun“ („The Rising Sun“)

ERSTES KAPITEL

Man sagt, die Wahnsinnigen hören Dämonen, die sie rufen, so laut und deutlich, als riefe ein Mann auf der Straße sie beim Namen. Ich habe erzählen hören, daß sie ihr Leben lang in ihrem Wahnsinn glücklich wären, wenn es diese Stimmen nicht gäbe. Die Stimmen sind es, die sie in den Untergang treiben, in moralischer, körperlicher oder jeder Hinsicht. Mag sein, daß es sich so auch mit meinen Zahlen verhält. Dreiundzwanzig Ellen Bengaline oder das genaue Verhältnis des blauen Crêpe zum fleischfarbenen und des fleischfarbenen zum weißen kann ich ebensowenig vergessen, wie jemand den Irrsinn aus seinem Kopf schütteln könnte, indem er sich hinstellt und sagt: »Ich bin gesund.«

Freilich, diese Krankheit war zu jener Zeit alltäglich genug. Es gab kaum jemanden im Lande, der taub gewesen wäre für die süße Musik von so-und-soviel Pfund, so-und-soviel Tonnen dieser oder jener Ware, von so-und-soviel Prozent. Die Dämonen sangen sie raunend in den Schenken, seufzend klang sie aus den Kissen in den Schlafgemächern von Herzoginnen, die Kontobücher der Kaufleute und die Folianten der Gelehrten fächelten sie ihnen mit ihren Seiten ins Ohr, und das Blöken der Schafe auf den Bergen des Hochlands klang seltsam verändert in den Ohren der Schäfer. Wenn andere, weiter entfernt, sie nicht hören konnten oder wollten, so waren sie entweder böswillig oder Narren, die keinen Teil an der Beute verdienten.

Ich war der Historiker dieser Zahlen. Ich war der -- darf ich sagen? --  Herodot unserer komischen Tragödie. Kein Pfund Schiffszwieback, keine Schachtel Kerzen, kein Krug Zitronensaft, der nicht gezählt und festgehalten wäre in meiner Chronik. Segeltuch aus Kinghorn: zweitausendachthundertzweiunddreißigeinhalb Ellen, wie verlangt zusammenzunähen mit dreihundertdreißig Pfund Garn und fünfhundert Nadeln. Genug, um die Hoffnungen einer Nation um die halbe Welt und über ihren irrsinnigen Rand hinweg zu blasen.

Die Zahlen halten mich hier fest, wo ich meine eigene Gestalt im schwarzen Fenster anstarre. Sie und das Rauschen meines eigenen Blutes, das mir allzu laut in den Ohren klingt. Zuviel Rotwein und feinem Virginia ist das zu verdanken.

Eins, zwei. Drei? Nein, zwei Uhr. Ich werde heute nacht keinen Schlaf finden, und um die Wahrheit zu sagen, ich bin entschlossen, ihn auch nicht zu suchen, da mir graut vor dem, was sonst zu mir kommen könnte. Selbst die Uhren streiten sich in diesem Lande. Eins, und wieder zwei, weiter entfernt. Jetzt schlägt die Stunde, sagen sie. Könnten sie ihre Steine aufheben und sich auf einander stürzen, ich schwöre, wir hätten einen Zehnjährigen Krieg der Glockentürme.

Zwei? Zwei was? Zwei Unzen Zwiebelsaat, Butter zwei Viertelfaß, Glas zwei Körbe, worin Granados vierhundertdreiundneunzig. Oder vierundneunzig? Nein. Nein, ganz sicher dreiundneunzig. Es gibt jetzt soviel zu vergessen, aber die Zahlen werden nie von mir lassen, das schwöre ich. Ich bin ein Mann, der von Zahlen verfolgt wird. Sie waren mein Beruf. Und wie hat die goldene Fortuna mich zu ihnen gerufen!

»Ich nehme an, du kannst Buch führen?«

»So gut wie nur irgendeiner, Sir!«

»Nun denn, wir werden sehen, ob wir dich gebrauchen können.«

Daher die Zahlen. Ich schrieb in diese Bücher, aber ich las sie nie. Mich ans Papier zu halten, hätte mich entehrt. Ich war der Imam der Endsummen, sie waren meine Gebete, die fünfmal am Tag gerufen wurden, in Kontor und Lagerhaus, am Kai und im Laderaum.

»Wieviel Seife, Mr. Mackenzie?«

»Weiß, vier Kisten, dreizehnhundert Pfund brutto. Schwarz, zwei Viertelfaß.«

Ah ja. Gott sei Dank für die Seife. Wir haben die Meere damit saubergewaschen.

Hängemattenhaken, zwölfhundert. Tauwerk (zwei Zoll), eine Rolle. Gesponnenes Garn, sechsunddreißig Ballen. Pfeifen, neun Fäßchen, macht 129 brutto. Käse, 77 Stück, macht 940 Pfund. Gewehre, 879. Hornlöffel, drei Dutzend. Tieflot, eins. Handlot, eins. Bleischrot, 223 Pfund.

Sie zwicken mich im Schlaf. Um vier wache ich auf, blaugequetscht von Erinnerungen. In meinem Schädel hallt der gespenstische Klang von »Schiffszwieback! 10.000 Pfund zur Dolphin, 20.000 zur St. Andrew.« Wie fett die tropischen Fische heute sein müssen!

Sie werden mein letzter Gedanke sein, mein allerletzter, daran zweifle ich nicht. Bleich und entkräftet werde ich auf dem Totenbett liegen, und meine treue Tochter (sollte ich je eine haben) hält meine fiebernde Hand. Plötzlich fahre ich hoch und rufe mit letzter Kraft: »Schuhe, elf Oxhöft, macht eintausendachthundertzwölf Paar!« Und dann sinke ich zurück, mit blutigem Schaum auf den Lippen.

Morgen, wenn die Sonne aufgeht, werde ich vor ihnen fliehen und werde doch wissen, daß man ihnen in Zeit und Raum so wenig entgehen kann wie den Furien selbst. Auf dem Rücken werde ich sie mitschleppen, ein schottischer Hausierer aus alter Zeit, ein Höker meiner Vergangenheit und der meines Volkes. Wohin und wie schnell ich auch gehe auf dieser Welt, die Zahlen und die Namen werden mit mir kommen, und heute nacht ist kein Ende in Sicht.

Aber vor drei Tagen habe ich eine Nation von ihrem eigenen Scheitern besudelt gesehen, geradeso wie der unglückliche Captain Green auf seiner hohen Warte, wo er im Wind mit den Beinen strampelte und mit posthumen Augen die Trümmer seiner eigenen Ambitionen sah, Asche bis zur Wasserlinie. Nicht einmal einen Galgen haben sie ihm gegönnt.

Nicht alle hatten den Verstand verloren. Ich habe den Beweis hier in der Tasche, irgendein abortpapiernes Pamphlet, das einer in der gierigen Menge mir in die Hand drückte, vielleicht der Autor selbst, zu stolz auf seinen eigenen Witz, um die »Zwei Pence« zu fordern, die oben auf der Seite gefordert wurden. Hier ist es: Jedermann sein eignes Reich -- oder: Worcestersauce für ein schottisch Lamm. Dankbar sollte er sein, daß die blökende Herde nicht in Leselaune war, denn sonst hätte er dem unternehmerischen Captain Gesellschaft geleistet. Ich hätte mit ihm gesprochen, aber kaum fühlte ich das Blatt in meiner Hand, da war er auch schon in der Menge verschwunden wie ein Dieb. Männer mit Verstand sind zu einer geheimen Bruderschaft geworden, deren Mitglieder nicht wagen, den Mund zu öffnen und sich miteinander bekanntzumachen, weil sie fürchten, daß man sich auf sie stürzt. So kommt es, daß ich es erst aus der Tasche zog, als ich in mein Quartier zurückgekehrt war. Es war nicht der Tag, da man sich von andern über die Schulter blicken ließ.

Er hat natürlich recht: Selbst in unserer Rache sind wir nicht zu hundert Prozent Teil dessen, was wir uns zu sein einbilden, und daß man Captain Greens Hals streckt, wird nicht einem einzigen Schotten den Gaumen versüßen. Ich frage mich, ob er noch da ist. Ich frage mich, ob er noch da ist und kämpfend die Stellung hält -- oder war er es, der uns auf der Straße überholte, in halsbrecherischem Galopp der Grenze zu?

Mein Kopf nickt meinem Bild im Fenster zu, als wollten mein wirkliches und mein phantasmisches Ich ein Weilchen innehalten und miteinander plaudern. Aber das erlaube ich nicht. Seit Tagen träume ich nur vom Ertrinken und vom Hängen. In was für einer Welt lebt einer, der das tote Leben der Erschöpfung dem Schlaf vorziehen muß?

Ein Viertel des Tages muß taumelnd bewältigt werden, oder weniger. Eine halbe Nacht. Meine Reisegefährten und ich haben den Bodensatz unserer kleinen Geschichte so sehr aufgewirbelt, daß jetzt nichts mehr zu machen ist. Und so habe ich es wieder ausgegraben, versteckt wie Konterbande, und der steife Einband knackt, als ich es aufschlage. Mein alter Freund, mein Beichtstuhl, mein Unterschlupf, mein Ich, gepökelt und getrocknet, in Segeltuch eingenäht, beinahe fertig.

Hört die Geschichte eines Briten.

   
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